15 Apr 2011

45: Perth - Abflug nach China

Joggen am „Swan River“ in Perth, starke Musik im Ohr. Die letzte Dämmerung brennt orange am Horizont, das Wasser spiegelt in Silber und Azur, die Bürotürme zünden ihre Lichter an, warm weht der Abendwind. Man möchte diesen Augenblick umarmen. Aber festhalten gilt nicht auf dem World Drive , heute Abend schon muss es weiter gehen. Die F-CELLS und Konvoi– Autos sind schon abgehoben Richtung Schanghai. Wir aber hatten noch Termine.

Zuerst bei „Carnegie Wave“, einem Unternehmen, das aus Wellen Energie machen will. Das Prinzip ist ebenso simpel wie verführerisch: Knapp unter Wasseroberfläche schweben Bojen mit drei Metern Durchmesser, die an dicken Kabeln hängen und durch die Bewegung der Wellen am Meeresboden installierte Kolbenpumpen antreiben. Der so erzeugte Druck wird an Land in Turbinen zu Strom gemacht. Ohne CO2- Emission, ohne die Gefahren der Kernenergie, ohne die Landschaft voll zu stellen mit Windrändern.
 
Doch bevor der Energiebedarf der Menschheit unsichtbar an den Küsten dieser Welt erzeugt wird, sind noch einige Probleme zu lösen: Die Technik muss Stürmen trotzen, sich den Gezeiten anpassen können und vor allem: kosteneffektiv sein.

Nach jahrelangen Versuchen mit kleineren Maßstäben laufen jetzt die ersten 1:1 Wellenkraftwerke im Probebetrieb vor der Küste Westaustraliens. 100 Kilowatt soll eine einzelne Boje erzeugen, aber Dutzende davon könnten gekoppelt werden, um so geringer wäre das Preis-Leistungs-Verhältnis, meint Aidan Flynn, Commercial Director bei Carnegie, „generell ist unsere Technik zum selben Preis wie Windenergie machbar.“ Und schaut hoffnungsvoll hinaus aufs bewegte Meer, wo nur ein paar farbige Bojen den Standort des Wellenkraftwerks markieren. Der Rest passiert unter Wasser...

Von Carnegie Wave sind es nur zehn Minuten Autofahrt am Hafen entlang, dann treffen wir Roz Savage. Roz ist 42 Jahre alt, weder besonders muskulös noch besonders groß, hübsch aber allemal – und sie hat bereits den Atlantik und Pazifik überquert. Und zwar in einem Ruderboot. Alleine.

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Roz bunkert gerade Lebensmittel. Denn morgen geht sie den dritten Ozean an. Von Perth aus will sie nach Indien rudern. Das genaue Ziel verrät sie nicht: „Leider sind Piraten unterwegs; ich will meine Route geheim halten“.

In ihrem alten Leben war Roz Unternehmensberaterin in England; mit Ehemann, Wohnung, Sportwagen. Es ging ihr gut. Doch eines Tages schreib sie zwei Nachrufe auf sich selbst. Einen, der ihr Leben beschrieb, wie es aller Voraussicht nach weiter gehen würde. Und einen, wie sie sich ihr Leben erträumte. Das war im Jahr 2000. Und von da an wurde alles anders.

2005 stach Roz Savage zum ersten Mal in See und ruderte über den Atlantik. Ihr erster Versuch, zwei Jahre später auch den Pazifik zu meistern, scheiterte gewaltig: Roz kenterte drei mal durch und musste von der Küstenwache gerettet werden. Doch schließlich gelang ihr – in zwei Etappen – auch das. Und jetzt der indische Ozean. Angst? Einsamkeit? Hunderte Male sind ihr diese Fragen schon gestellt worden.

„Ich bin ein sehr geselliger Mensch“, sagt Roz, „aber ich genieße auch sehr die absolute Einsamkeit da draußen. Vielleicht ist es gerade dieser Kontrast, der mich erfüllt und glücklich macht.“ - Aber die Angst! Mitten in der Nacht, irgendwo auf dem Ozean (Roz hat keinerlei Begleitboot oder so etwas), umgeben von Haien, Piraten, Sturmtiefs?

Sie habe grässliche Angst gehabt auf Ihrer ersten Fahrt, habe geweint, geschrien, gehadert, antwortet Roz: „Aber irgendwann hörst Du einfach auf, dich mit der Angst zu befassen. Es ist erstaunlich, woran sich der Mensch anpassen kann“. Roz rudert als Umweltaktivistin. Sie will zeigen, was jeder Mensch leisten und bewirken kann – wenn er seine Bequemlichkeit aufgibt, wenn er mit ganzer Kraft und Seele dabei ist. Am nächsten Morgen ist es soweit: Beladen mit Trockenobst, Expeditionsnahrung, Wassersentsalzungsanlage und 25 Hörbüchern auf dem iPod legt sich Roz Savage in die Riemen. Mit dem Segelboot eines Freundes fahren wir ihr noch ein paar Meilen hinterher. Dann drehen wir bei. Und der Punkt am Horizont wird kleiner und kleiner.

(download)

(Mit freundlicher Genehmigung. All Copyrights by: http://www.flickr.com/photos/rozsavage)

Kurz nach Mitternacht, Startbahn 21, Flight CX 370 cleared for Take-Off. Dröhnend hebt der Airbus A 330 ab, Perth liegt unter uns, eine Handvoll Edelsteine auf schwarzem Samt. Auf Wiedersehen, Australien! Auf nach China!